Chery Yaoguang 2035: KI-Chip, Robotaxi und Hausroboter
Chery (奇瑞) hat am 21. Oktober 2026 auf dem Global Innovation Summit in Wuhu seine Zehnjahresstrategie „Yaoguang 2035" vorgestellt. Der Konzern will sich damit vom Fahrzeughersteller zum „KI-getriebenen globalen Technologieunternehmen" umbauen und legt die gesamte Forschungsarbeit auf ein einziges KI-Fundament. Damit löst sich Chery vom klassischen Hardware-Wettbewerb und folgt dem Tesla-Muster: Rechenleistung, Algorithmen und Daten als Basis, das Auto nur noch als eine von mehreren Anwendungen.
Vier Bausteine für das nächste Jahrzehnt
Auf der Messe zeigte Chery die konkreten Standbeine der Strategie:
Das deckt die vier Felder Mobilität, Energiespeicherung, Landwirtschaft und Alltag ab.
Yaoguang 2025: Was versprochen wurde — und was kam
Die neue Strategie lässt sich nur gegen die alte messen. Am 16. September 2022, zum 25-jährigen Bestehen, hatte Chery mit „Yaoguang 2025" ein dreijähriges Technologieprogramm aufgelegt, intern als „54321"-Programm geführt: fünf Kernbereiche (Mars-Architektur, Kunpeng-Antriebe, Lion-Intelligenz, Galaxy-Ökosystem, KI-Basis), vier Antriebsarten (BEV, PHEV/REEV, Brennstoffzelle, Verbrenner), drei Anwendungsfelder (Fahrassistenz, Cockpit, Vehicle-to-Everything), zwei Ökosystem-Säulen und ein Ziel — ein global wettbewerbsfähiges Technologieunternehmen.
Die Bilanz kann sich sehen lassen: Statt der zugesagten 100 Mrd. Yuan (ca. 12,8 Mrd. €) flossen in fünf Jahren über 110 Mrd. Yuan (ca. 14,1 Mrd. €) in Forschung und Entwicklung.* Die F&E-Ausgaben stiegen von 3,65 Mrd. Yuan (ca. 467 Mio. €) im Jahr 2022 auf 9,24 Mrd. Yuan (ca. 1,18 Mrd. €) im Jahr 2024. Statt 300 Laboren entstanden 313 Yaoguang-Labore, statt 20.000 Entwicklern arbeiten mehr als 30.000 im Konzern, davon über 10.000 mit Master- oder Doktortitel. Aus sechs geplanten Forschungszentren wurden acht Auslandsstandorte — Frankfurt und Barcelona sind dabei.
Hinweis: Preise beziehen sich auf den chinesischen Markt und können in Europa abweichen.
Technisch lieferte Chery einen Hybridmotor mit 48 Prozent Wirkungsgrad, 60 Modelle mit Fünf-Sterne-Crashtest-Ergebnis, eine 48-Volt-Bordnetzarchitektur und eine Vier-in-eins-Einheit für Fahrwerk und Antrieb. Die Eigenfertigung von Batterien liegt bei über 35 Prozent. 2025 verkaufte der Konzern 826.500 elektrifizierte Fahrzeuge (NEV), ein Plus von 72,5 Prozent; seit sechs Monaten liegt der Monatsabsatz durchgehend über 100.000 Einheiten — Platz fünf unter den globalen NEV-Herstellern.
Ein Wermutstropfen bleibt die Software: Chery hatte 2025 zum Jahr der großen Fahrassistenz-Offensive erklärt, doch die Serieneinführung des Falcon-900-Systems verzögert sich. Der dafür nötige Ziwu-C100-Chip ist erst für 2027 terminiert, das Robotaxi sogar erst für 2030. Cherys KI-Zeitplan läuft der Fahrzeugtechnik grundsätzlich ein Jahr hinterher.
CheryMind als Gehirn — und die Daten dahinter
Das Fundament der neuen Strategie ist ein einziges Modell: CheryMind. Intern dient es als Unternehmensgehirn und ist an über 400 Unternehmenssysteme angebunden; mehr als 1.500 End-to-End-Prozesse von CAD über Qualitätssicherung bis Fertigung laufen darüber. Extern ist es der Produktkern aller Chery-Hardware und verzweigt sich in spezialisierte Untermodell für Fahrzeuge, Drohnen, Roboter und Landtechnik.
Die Datenbasis stammt aus fast 30 Jahren Konzernhistorie: 700 TB Unternehmenswissen, 200 PB Konstruktionsdaten, 2,5 Milliarden Kilometer an Trainingsfahrdaten und 5 Millionen Datensätze aus Bewegungsaufnahmen für Roboter.
Der Fahrplan bis 2035
Die Ankündigung ist ungewöhnlich konkret getaktet:
Erst kommen also die technischen Klippen, dann die Geschäftsmodell-Validierung, zuletzt die Vision. Denn die KI-Ernte dauert länger als die der Fahrzeugtechnik.
Bremsklötze: Börse, Wettbewerb, Kerngeschäft
Die größte Hypothek ist der Kapitalmarkt. Ein Jahr nach dem Börsengang in Hongkong notiert Chery bei rund 23,80 HK-Dollar und damit etwa ein Fünftel unter dem Ausgabepreis von 30,75 HK-Dollar. Die Marktkapitalisierung liegt bei umgerechnet rund 16 Mrd. €, das Kurs-Gewinn-Verhältnis (TTM) bei nur 6,7 — der Markt bewertet Chery als Deep-Value-Aktie, also als Cashflow-Maschine aus dem Fahrzeuggeschäft, nicht als KI-Story. Fahrassistenz, Robotik und Großmodell haben bislang keinen Bewertungsaufschlag gebracht. Die Frage lautet daher: Ist KI bei Chery Kostenfaktor oder Gewinnbringer — und wann taucht das im Geschäftsbericht auf?
Zweitens muss sich die behauptete Wiederverwendbarkeit der Technikbasis über Branchen hinweg erst beweisen. Humanoide Roboter werden über Greifhände und Bewegungssteuerung entschieden, dort sitzen Unitree und AgiBot. In der Landtechnik dominieren John Deere und DJI Agriculture mit Vertriebs- und Agrarservice-Netzen. Beim eVTOL sind die Zulassungsverfahren noch nicht abgeschlossen. In jedem neuen Feld trifft Chery auf spezialisierte Gegner; die gemeinsame Basis senkt nur die Eintrittskosten.
Drittens steckt das Stammgeschäft selbst im Umbruch: 2025 fiel das Umsatzwachstum auf 11,3 Prozent, der Export wuchs mit 17,4 Prozent deutlich langsamer als in den Vorjahren, der Preiskampf im Inland ist nicht ausgestanden. Ausgerechnet das margenstärkste Geschäft — Verbrenner-Exporte — steht unter Druck durch EU-Zölle und den Russland-Rückzug. Ein Zehn-Jahres-KI-Projekt aus dem Ersparten zu finanzieren, verlangt strategische Ausdauer.
Immerhin: Die Methodik bleibt. Chery, das „Ingenieurunternehmen, gierig auf Technik und ängstlich bei Sicherheit", hat bei Yaoguang 2025 fast alle Zusagen eingehalten. Bei Yaoguang 2035 ist die Aufgabe schwerer geworden — der Konzern muss beweisen, dass ein Unternehmen, das in 130 Ländern Autos verkauft, auch ein Technologiekonzern sein kann.
In Deutschland
Chery ist in Deutschland bislang über die Konzerntöchter Omoda und Jaecoo vertreten, die 2025 mit Verbrenner- und Elektromodellen an den Start gegangen sind; die Kernmarke Chery selbst ist hierzulande noch nicht eingeführt. Für deutsche Kunden und Händler ist Yaoguang 2035 zunächst eine Strategienachricht ohne direktes Produktversprechen: Der Ziwu-C100-Chip, das Robotaxi und der Roboter „Mobao" haben keine Europa-Termine. Relevanz entsteht mittelbar — über Assistenzsysteme und Cockpit-Software künftiger Omoda-/Jaecoo-Modelle, die auf der CheryMind-Basis aufsetzen dürften, sowie über den wachsenden Preisdruck, den Chery mit seinem Skalenvorteil im globalen Wettbewerb erzeugt.