IM LS6: Steer-by-Wire jetzt ab ca. 25.300 € serienmäßig
Der chinesische Hersteller IM Motors (智己) hat die neue Generation seines Mittelklasse-SUV LS6 vorgestellt — und rückt eine Technik in den Fokus, die bislang als Luxusgut galt: das Steer-by-Wire-System, also die Lenkung ohne mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Vorderrädern. Der LS6 startet in China ab ca. 25.300 € (ca. 197.900 Yuan) und hat die elektronische Lenkung in allen Ausstattungslinien an Bord.
Hinweis: Preise beziehen sich auf den chinesischen Markt und können in Europa abweichen.
Ein 130 Jahre altes Prinzip wird abgeschafft
Am 1. Juli 2026 tritt in China die verbindliche Norm GB17675—2025 für Lenksysteme in Kraft. Sie streicht die bislang zwingende Vorschrift, dass zwischen Lenkrad und Rädern eine mechanische Verbindung bestehen muss. Damit wird eine rund 130 Jahre alte Konstruktionsregel offiziell aufgehoben und der Weg für Serien-Steer-by-Wire frei.
Bislang tauchte die Technik vor allem in Flaggschiffen ab ca. 51.200 € (ca. 400.000 Yuan) auf, teils nur gegen Aufpreis. IM Motors drückt dieses Preisniveau nun auf rund 25.300 € — nach eigener Darstellung keine reine Preissenkung, sondern das Ergebnis einer grundlegenden Umstellung in Entwicklung und Organisation.
„Weiße Box" statt „schwarze Box"
IM-Motors-CTO Xiang Jiao nennt den entscheidenden Hebel beim Namen: „Ein komplettes Steer-by-Wire-Fahrwerk ist ein Produkt mit hervorragender Erfahrung, aber auch sehr hohen Kosten." Teuer seien doppelt redundante Strom- und Datenleitungen, zwei unabhängige Lenkmotoren, ein Feedback-System zur Simulation des Fahrgefühls sowie die Abstimmung von Bremse und Fahrwerk.
Der Kostendruck werde über eine sogenannte „weiße Box" gelöst, so Xiang. Statt Komponenten als „schwarze Box" von Zulieferern zu beziehen — bei der nur Funktion, Leistung und Preis bekannt sind, jede Änderung aber neu berechnet wird — definiert IM Motors die Kernbausteine der Fahrwerkssteuerung selbst und iteriert eigenständig. Hinzu kommt die Zulieferbasis des Mutterkonzerns SAIC.
Im Jahr 2023 wurde zudem die Fahrwerksabteilung zu einer eigenständigen VMC-Einheit (Vehicle Motion Control, Fahrzeugbewegungssteuerung) umgebaut. So sollen Lenkung, Bremsen, Fahrwerk und Hinterradlenkung von einem zentralen Steuermodell koordiniert werden statt jeweils eigene Algorithmen zu fahren. Auch der SAIC-Technologiezentrum bündelt diese Entwicklungen in einem eigenen VMC-Team.
Ein zweites Beispiel für die Kostenarbeit: Der 4D-Massagesitz mit mechanischer Stützstruktur, zunächst nur im Flaggschiff LS9 zu finden, wurde so umkonstruiert, dass die Lehne 13 Millimeter dünner ausfällt — der Sitz wanderte vom Extra zur Serienausstattung.
Sicherheit ohne mechanische Verbindung
Die naheliegende Frage: Was passiert, wenn die Elektronik ausfällt? Technikchef Pei Yichen verweist auf die Luftfahrt: Fly-by-wire-Systeme hätten die Unfallrate in der Verkehrsfliegerei um teils über 90 Prozent gesenkt. „Mit einer sauberen, präzisen Sicherheitsredundanz kann unser Steer-by-Wire sicherer und zuverlässiger sein als eine mechanische Lenkung."
IM Motors nennt drei mögliche Ausfallszenarien — Stromversorgung, Kommunikation und Lenkmotor — und beantwortet sie mit einer „dreifachen Sicherheitsredundanz nach Luftfahrtstandard". Fällt die Hauptstromversorgung aus, übernimmt eine Backup-Quelle binnen Millisekunden; bricht die Hauptkommunikation weg, springt ein redundanter Kanal ein; weichen Sensordaten ab, gleicht das System mehrere Quellen gegeneinander ab. Die sogenannte SynVector-Vektorsteuerung soll bei einem Reifenplatzer auf der Autobahn oder plötzlichem Seitenwind binnen 20 Millisekunden korrigieren — mehr als zehnmal schneller als ein Mensch reagiert.
Im Alltag zeigt sich der Nutzen beim Rangieren: Dank Steer-by-Wire liegt der Wendekreis des rund fünf Meter langen SUV bei 4,49 Metern — eine halbe Lenkradumdrehung genügt zum Wenden.
Was sonst noch unter der Haube steckt
Neben dem Fahrwerk nennt IM Motors weitere Technik der neuen LS6-Generation:
- Antrieb: NEO-Plattform, Verbrauch 12,7 kWh/100 km (chinesischer Zyklus)
- Laden: 800-Volt-Architektur, bis zu 396 kW Schnellladeleistung, 500 km Nachladen in 15 Minuten
- Batterie: 93-kWh-Paket von CATL
- Reichweite: 782 km (CLTC) — entspricht ca. 660 km (WLTP-Schätzwert). CLTC (chinesischer Verbrauchszyklus, typischerweise 10–15 % höher als WLTP)
- Assistenz: IM AD Zeta in Kooperation mit Momenta, L2-Funktionen auf Basis von L4-Modellfähigkeiten; erstmals ein Assistenzsystem für den Fall, dass der Fahrer die Kontrolle verliert — das Fahrzeug hält dann selbstständig am Rand an
- Komfort: 4D-Massagesitz, B&O-Soundsystem, doppeltüriger Kühl-/Wärme-Schrank serienmäßig
Fazit
Mit der neuen LS6-Generation verfolgt IM Motors eine klare Strategie: Technik, die zuvor Flaggschiffen vorbehalten war, wandert in den Volumenmarkt. Ob Steer-by-Wire, 800-Volt-Architektur oder die hochintegrierte Fahrwerkssteuerung — der Hersteller will aus ehemaligen Premium-Optionen eine breite Basisausstattung machen. Mit dem konkurrenzstarken Umfeld in China, wo Modelle wie der Tesla Model Y oder der VW ID.4-ähnliche SUV von XPeng und NIO um die gleiche Kundschaft kämpfen, dürfte dieser Ansatz den Preisdruck weiter erhöhen.
In Deutschland
Zu diesem Hersteller liegen uns aktuell keine gesicherten Informationen über einen europäischen Markteintritt vor. Das Modell ist derzeit auf dem chinesischen Markt erhältlich.

