Li Auto: Lidar versagt – scharfe Kritik an ADAS-Werbung
Innerhalb von nur vier Tagen sind in China zwei Fahrzeuge desselben Herstellers von der Fahrbahn abgekommen und mehrere Meter tief gestürzt. Beide Fahrer kamen mit leichten Verletzungen davon, die Karosseriestrukturen hielten stand, die Airbags lösten aus, die Notrufsysteme meldeten sich automatisch. Li Auto (理想) darf sich dieser Tage über ungewöhnlich viel Lob für seine passive Sicherheit freuen – doch genau darin liegt aus Sicht chinesischer Fachmedien das Problem.
Zwei alltägliche Szenarien, zwei Systemversagen
Die Ursachen der beiden Unfälle lesen sich unspektakulär: Im ersten Fall verlor ein Fahrer in den frühen Morgenstunden auf einer kurvenreichen Bergstraße die Orientierung, das Fahrzeug geriet von der Fahrbahn ab und stürzte einen Hang hinunter. Im zweiten Fall herrschten dichter Nebel und Regen, die Spur wurde verlassen, der Fahrer korrigierte zu spät, das Auto durchbrach die Begrenzung einer Hochstraße.
In beiden Fällen gab es keine plötzlich querenden Hindernisse, keinen extremen Gegenverkehr – sondern schlicht schlechte Sicht und eine ungewohnte Strecke. Also exakt die Konstellation, für die die Assistenzsysteme der betroffenen Modelle laut Marketingmaterial ausgelegt sein sollen.
Vollausstattung, die im Ernstfall schwieg
Eines der Fahrzeuge wird mit einem Notbremsassistenten für generische Hindernisse beworben, der bis Tempo 130 km/h funktionieren soll – bei Tag und Nacht, auch bei starker Gegenlichteinstrahlung. An Bord: ein Lidar mit Zentimeter-Genauigkeit, das Objekte auch bei Dämmerung präzise erkennt. Das zweite Modell trat mit 31 Sensoren, einem Chip mit 700 TOPS Rechenleistung sowie einer Kombination aus Front-AEB und Notausweichfunktion (AES) an – nach Herstellerworten ein System, das „nicht nur bremst, sondern auch umfährt".
Genau diese versprochene „Ganzwetter-Abdeckung" war im Morgengrauen und im Sprühnebel gefragt. Und genau die einfachste aller Aufgaben – das Fahrzeug auf der Fahrbahn zu halten – wurde nicht erfüllt. Weder eine rechtzeitige Spurverlassenswarnung noch ein korrigierender Lenkeingriff sind dokumentiert. Aktiv geworden sind ausschließlich Airbags, Karosserie und Notruf: die passive Rückversicherung, nicht die teuer bezahlte aktive Intelligenz. Hinweis: Die Darstellung beruht auf einem chinesischen Medienkommentar; eine unabhängige technische Untersuchung der Unfälle liegt bislang nicht öffentlich vor.
„Große Schrift, kleingedruckte Haftungsausschlüsse"
Der Kern der Kritik richtet sich gegen die Kommunikation der Branche. Beworben würden unter Idealbedingungen im Labor erzielte Ergebnisse als Alltagsrealität. Tatsächliche Systemgrenzen, Fehlersituationen und Einschränkungen verschwänden dagegen in einer unlesbaren Fußnote am Seitenende oder irgendwo im mehrere Dutzend Seiten starken Handbuch. Wer im Alltag dann auf die Grenzen stößt, bekommt den Verweis auf „spezifische Testbedingungen".
Verschärft wird das durch die anschließende Deutung der Unfälle: Statt Produktmängel zu untersuchen, wurde aus den Ereignissen ein Werbefeldzug für crashfeste Karosserien und zuverlässige Marken. Die Sicherheitslatte scheine sich von „Unfall verhindern" auf „Unfall überleben" zu verschieben – eine folgenschwere Verschiebung des Anspruchs.
Politik schaltet sich ein
Zur selben Zeit haben vier chinesische Ministerien und Behörden führende Hersteller zu Gesprächen zitiert. Gefordert wird eine wahrheitsgemäße Darstellung der funktionalen Grenzen von Assistenzsystemen, ein Verbot irreführender Übertreibung und der Verzicht darauf, Fahrer zum Ignorieren ihrer Verantwortung zu verleiten. Der Vorwurf: Statt realer Wirksamkeit zähle im Wettbewerb die Zahl der Lidars, der TOPS-Wert und die maximale Funktionsgeschwindigkeit – schöne Zahlen, die bei Regen, Gegenlicht und fehlender Fahrbahnmarkierung nichts nützen.
Einordnung
Die technische Kernaussage ist nicht neu, wird aber selten so deutlich formuliert: Lidar und hohe Rechenleistung sind kein Ersatz für eine robuste Spurerkennung. Wer Assistenzsysteme nach Datenblättern einkauft, kauft Versprechen – nicht zwingend Funktion. Für deutsche Hersteller ist die Debatte durchaus relevant, weil auch hierzulande Marketing und Systemgrenzen zunehmend unter Beobachtung der Regulierer stehen.
In Deutschland nicht erhältlich
Li Auto hat bislang keine offiziellen Pläne für eine Expansion nach Europa bekannt gegeben. Das Unternehmen konzentriert sich auf den chinesischen Markt.