NIO und Geely bündeln Wechselakkus: Ziel 10.000 Stationen
Am 28. September haben NIO (蔚来) und die Geely Holding Group (吉利控股集团) in China eine umfassende strategische Partnerschaft für Ladeprojekte und Batteriewechsel vorgestellt. Die Vereinbarung umfasst Technik, Betrieb und Kapital: Beide Konzerne beteiligen sich gegenseitig an ihren Energiegeschäften, teilen Standards und bauen gemeinsam ein Servicenetz auf. Für Geelys Einstieg bei NIO Energy zahlt der Konzern ca. 81,9 Mio. € (ca. 640.000.000 Yuan) sowie 100 Prozent der Anteile an der Wechselakku-Plattform Yiyi (易易互联) und hält danach 30 Prozent an NIO Energy.
Hinweis: Preise beziehen sich auf den chinesischen Markt und können in Europa abweichen.
Von der Netzkopplung zur gegenseitigen Beteiligung
Auf der Gegenseite steigt NIO bei Geelys Ladetochter Haohan Energy (浩瀚能源) ein und übernimmt 10 Prozent der Anteile. Beide Ladeportfolios sollen vollständig miteinander verknüpft werden. Zusätzlich will Geely eigene Pkw-Wechselakkumodelle für Privatkunden entwickeln, die NIO Energy anschließend mit Wechseldiensten versorgt. Damit verlässt die Zusammenarbeit die reine Roaming-Ebene und reicht bis in Beteiligungen und operative Integration.
Diskutiert wird das Projekt seit November 2023. Rund drei Jahre später sollen nun Geld, Geschäftsfelder und Netzressourcen zusammengelegt werden. NIO-Gründer und CEO William Li begründet den Startpunkt mit der Rechenbarkeit: „Im Bereich Laden und Wechseln ist es besonders einfach, diese Rechnung sauber aufzustellen."
Zwei Netze, ein Betreiber
NIO hat in die Infrastruktur bereits massiv investiert: Nach eigenen Angaben summierten sich die Aufwendungen für Lade- und Wechseltechnik bis zum 27. September auf ca. 2,56 Mrd. € (ca. 20.000.000.000 Yuan). Bundesweit stehen 4.126 Wechselstationen und 5.307 Ladestationen, insgesamt wurden mehr als 125 Millionen Wechselvorgänge abgewickelt. Geely wiederum betreibt über Haohan Energy in 232 Städten 2.500 Ladestationen mit mehr als 12.000 Ladepunkten; bis Ende 2027 sollen daraus über 22.000 Stationen und mehr als 100.000 Ladepunkte werden. Yiyi bringt Erfahrung beim Wechselbetrieb für gewerbliche Fahrzeuge, in der Fahrzeugdisposition sowie bei Batterieüberwachung und -pflege ein.
Geely-CEO An Conghui nennt das Ladegeschäft offen „ein Schwergewichtsgeschäft" — die Kooperation solle Risiken senken und das Wachstum beschleunigen. Ein Hersteller müsse nicht nur ein Auto ausliefern, sondern auch das Erlebnis danach verantworten. William Li ergänzt, man habe bislang getrennt Technikpfade erprobt; künftig gelte es, Doppelinvestitionen zu vermeiden und die Betriebseffizienz zu erhöhen. Die Konkurrenz zwischen beiden Häusern bestreitet er nicht, sieht aber breiten Raum für Zusammenarbeit. NIOs Ladepunkte stehen allen Marken offen — bereits 87 bis 88 Prozent der Lademenge stammen laut Li von Fremdkunden.
Batteriewechsel für Taxis und Robotaxis
Nach der Transaktion soll NIO Energy zwei Netze parallel betreiben: ein B2B-Netz auf Basis von Yiyi für Cao Cao Mobility (曹操出行) und künftige Robotaxis sowie das bestehende Privatkundennetz. NIO-Präsident Qin Lihong rechnet vor, dass ein gewerblich genutztes Fahrzeug mit einem guten Wechselnetz bis zu 90 Minuten Ladezeit pro Tag spart und 15 bis 20 Prozent mehr Umsatz erzielen könnte; über Batteriemiete und Lebenszykluskosten seien Einsparungen von bis zu 40 Prozent möglich. Diese Werte seien jedoch Betriebsziele und nicht eins zu eins auf jedes Fahrzeug übertragbar.
Geely will den Batteriewechsel zudem für Robotaxis nutzen. An Conghui bestätigt, dass die in Entwicklung befindlichen Robotaxis auf Wechseltechnik setzen. Weil damit zusätzliche Nachfrage entsteht, wächst die Zahl der Fahrzeuge, die um Wechselkapazität konkurrieren — ein Punkt, den bestehende NIO-Kunden kritisch sehen. Qin betont, das gemeinsame Netz werde ausgebaut und dichter, wovon auch Privatkunden profitierten. Wie die beiden Netze getaktet werden, hängt künftig an Standortwahl, Batteriedisposition und intelligenter Steuerung.
Das zweite Geschäft: der Strommarkt
NIO Energy plant, bis 2030 kumuliert 10.000 Wechselstationen zu errichten. William Li rechnet dann mit einem jährlichen Strombedarf von mehr als 100 Milliarden Kilowattstunden und veranschlagt für 10.000 Stationen rund 20 GWh Speicherkapazität. Auf dieser Basis will NIO stärker in den Stromhandel einsteigen — bislang habe man vor allem Regelleistung erbracht, der aktive Aufbau sei noch dünn gewesen.
Als konkrete Bauform ist vorgesehen, an geeigneten Standorten Energieanlagen zu errichten, die sowohl das Privatkundennetz als auch das B2B-Wechselnetz und Geelys KI-Ladenetz (吉利AI智充) versorgen. Geely-Autochef Gan Jiayue nennt Speichercontainer als Beispiel: Wo Ladevorgänge Speicher brauchen, könnten Wechselinfrastruktur und Batterien diese Ressource mitnutzen. An Conghui sieht Schnellladen und Batteriewechsel ohnehin nicht als Gegensatz, sondern als Ergänzung für unterschiedliche Nutzer und Situationen.
Nach dem Vollzug der Transaktion steht die Integration an — Forschung, Lieferkette, Fertigung und Betrieb sowie die Standortplanung für unterschiedliche Fahrzeugtypen. Für Autofahrer dürfte sich das Ergebnis in der Praxis zeigen: mehr Stationen in der Nähe, kürzere Wartezeiten, bequemerer Wechsel.
In Deutschland
NIO ist bereits auf dem deutschen Markt vertreten. Aktuelle Modelle in Deutschland: ET5, ET7, EL6, EL7, EL8.
NIO ist seit 2021 in Europa aktiv und betreibt NIO Houses in München und anderen deutschen Städten.
Die jetzt vereinbarte Partnerschaft mit Geely betrifft ausschließlich den chinesischen Markt und die dortige Lade- und Wechselinfrastruktur. Für europäische NIO-Kunden ergeben sich daraus unmittelbar keine Änderungen; das Wechselnetz in Europa wird weiterhin eigenständig von NIO aufgebaut.

