Changan will 2027 über 3 Millionen Autos verkaufen
Changan (长安) hat am 16. Oktober auf einer Medienkonferenz eine neue Führungsspitze vorgestellt — und dabei ein konkretes Absatzziel nachgeschoben. Ye Pei (叶沛) wird neuer Präsident und Vorstandsvorsitzender der börsennotierten Changan Automobile. Der bisherige Amtsinhaber Zhu Huarong (朱华荣) bleibt an der Spitze der übergeordneten China Changan Automobile Group. Ye Peis erklärtes Ziel: Changan Automobile soll bis 2027 weltweit mehr als 3 Millionen Fahrzeuge pro Jahr absetzen.
Aus vier mach eins
Bislang saßen vier Manager gleichzeitig in beiden Führungsebenen — ein Provisorium aus der Gründungsphase des Staatskonzerns vor rund einem Jahr. Künftig hält nur noch Konzern-Geschäftsführer Zhao Fei (赵非) zusätzlich den Vorsitz der börsennotierten Changan Automobile. Der Präsidentenposten wird dagegen intern besetzt. Zhao Fei übernimmt den Vorstandsvorsitz und das Amt des Parteisekretärs bei der Börsengesellschaft, Ye Pei wird dort Direktor, Präsident und stellvertretender Parteisekretär.
Auch die Geschäftsführung wird umgebaut: Yang Dayong (杨大勇) rückt zum Executive Vice President auf, Deng Chenghao (邓承浩) wird ebenfalls Executive Vice President. Als globaler Chefberater des Vorstands wurde Klaus Zyciora verpflichtet — der frühere Volkswagen-Designchef. Tan Benhong (谭本宏) bleibt stellvertretender Parteisekretär der Gruppe, gibt sein Amt bei der Börsengesellschaft aber ab.
„Zwei Ebenen, eine Effizienz"
Zhao Fei beschreibt das neue Modell als „zwei Organisationsebenen, eine Effizienz". Strategische Großinvestitionen entscheidet der Konzern, das operative Geschäft liegt bei der Börsengesellschaft. Dazu kommt ein internes „123-Prinzip": Wichtige Vorgänge erreichen die Geschäftsleitung direkt, Prozesse, die früher einen Monat dauerten, sollen in 15 Tagen abgeschlossen sein. Zhu Huarong geht noch weiter — manche Abläufe, die früher zwei Monate brauchten, würden heute in zwei Stunden durch die Gremien laufen.
Hinter dem Tempo steckt der Druck des chinesischen Markts: immer kürzere Modellzyklen und rasche Preisanpassungen. Gleichzeitig muss Changan im Ausland zugleich Produktion, Händlernetze, Zertifizierung, Lieferkette, Wechselkurse und Compliance bewältigen. Konzernstrukturen bündeln Ressourcen — drohen aber, den Effizienzgewinn durch zusätzliche Genehmigungsebenen wieder aufzufressen.
Frontend eigenständig, Backend zusammengelegt
Bei den Marken Avatr und Deepal bleibt an der Marktfront alles eigenständig: Produktdefinition, Vertriebskanäle, Markenauftritt und Service. Im Backend — also bei Fertigung, Entwicklungsplattformen, Kerntechnik und Einkauf — werden die Ressourcen dagegen zusammengelegt. Das reduziert Doppelarbeit und soll Kosten senken, ohne die Markenprofile zu verwässern.
Die vier Geschäftsbereiche der Gruppe folgen derselben Logik:
Von 900.000 auf 5 Millionen
Im Mittelpunkt der Medienkonferenz stand das Auslandsgeschäft. Zhao Fei sieht den Heimatmarkt in einer Konsolidierungsphase mit verschärftem Verdrängungswettbewerb; im Ausland gebe es dagegen noch Wachstum — Changan setze auf „Volumen und Marge zugleich". Zhu Huarong sagte, es sei derzeit schwer, ein attraktiveres Feld als die Auslandsmärkte zu finden.
Die Zahlen dazu: Changan ist in 149 Ländern aktiv, im thailändischen Werk läuft das erste NEV-Komplettwerk, in acht Ländern stehen 17 KD-Montagewerke, die Auslandskapazität liegt bei 446.000 Einheiten pro Jahr. Für dieses Jahr erwartet das Management mehr als 900.000 Auslandsverkäufe, im Folgejahr soll sich der Absatz der Eigenmarken im Ausland verdoppeln. Längerfristig peilt Changan bis 2030 insgesamt 5 Millionen Einheiten an, davon 2 Millionen im Ausland; bis 2035 sollen es 6 Millionen sein.
Zur Lokalisierung setzt Changan auf langfristige Präsenz, lokale Fertigung, Systemaufbau und ESG-Standards — in Südostasien liege der Anteil lokaler Mitarbeiter bereits bei 70 Prozent. Für Europa prüft das Unternehmen laut eigener Aussage Partnerschaften statt eines Neubaus von Grund auf; Auswahlkriterium sei zuerst die Qualitätssicherung. Konkrete Namen oder Standorte nennt Changan nicht.
Q06 als Zugpferd, Plattformen im Milliorenmaßstab
Ye Peis Produktplan sieht zwei B- und C-Klasse-Plattformen im Millionenmaßstab sowie eine D-Klasse-Plattform mit 600.000 Einheiten Volumen vor. Die Produktdefinition wurde umgedreht: Zuerst werden globale Kundenbedürfnisse gebündelt, dann das Weltmodell definiert — nicht mehr China zuerst, der Rest als Anhang. Im Inland soll Changan Yinli stärker Richtung HEV-Sparmodellen wandern, Changan Kaicheng weitere Neuheiten bringen, Avatr und Deepal gemeinsam das Mittel- und Oberklassesegment angreifen.
Wie das konkret aussehen kann, zeigt der Qiyuan Q06: In den ersten 24 Stunden nach Marktstart gingen nach Ye Peis Angaben mehr als 35.000 Bestellungen ein. Über 85 Prozent entfallen auf die Version mit 700 km Reichweite (CLTC — chinesischer Verbrauchszyklus, typischerweise 10–15 Prozent höher als WLTP; entspricht ca. 595 km WLTP-Schätzwert). Der Anteil der Topversion „Tianshu Linghang Ultra" mit erweitertem Fahrassistenzsystem liegt bei 45 Prozent, die erste Monatsauslieferung soll die Marke von 10.000 knacken. Weltweit soll der Q06 rund 200.000 Einheiten pro Jahr erreichen, ein weiteres Modell mit variablen Antrieben sogar 500.000.
Bei der Technik verweist Changan auf einen Forschungsanteil von 7,67 Prozent am Umsatz (2025), mehr als 7.500 Mitarbeiter im Bereich intelligenter Systeme, über 400.000 virtuelle Simulationsszenarien und mehr als 3,3 Millionen Simulationskilometer pro Tag für Fahrassistenzsysteme. An 420 internationalen, nationalen und Branchenstandards ist das Unternehmen beteiligt. Zhu Huarong formuliert die Latte nüchtern: Nur Technik mit echtem Kundennutzen werde vom Markt honoriert.
An der Strategie ändert der Führungswechsel nichts: Der Konzern fährt weiter die „1445"-Strategie mit den vier Geschäftsbereichen und dem Ziel, bis 2030 Absatz, Auslandsvolumen, Innovationskraft, Umsatz und Markenwert zu verdoppeln. Changan Automobile setzt parallel die drei Programme „Shangri-La" (Antrieb), „Beidou Tianshu" (Vernetzung und Fahrassistenz) und „Haina Baichuan" (Internationalisierung) fort. Beobachten lässt sich nun, ob die verkürzten Genehmigungswege und die Backend-Integration der Marken tatsächlich Kosten senken — und ob der Q06 vom Bestellhit zum globalen Volumenmodell wird.
In Deutschland
Changan ist in Deutschland bislang nicht als Pkw-Marke vertreten. Das Unternehmen betont für Europa eine lokale Fertigungsstrategie und prüft nach eigenen Angaben Partnerschaften statt eines Neubaus von Grund auf — konkrete Standorte, Zeitpläne oder Partner sind jedoch nicht genannt. Eine europäische Markteinführung der Kernmarke Changan sowie der Submarken Deepal und Avatr ist damit weiterhin offen.