BYD Han: 20 % mehr Reichweite durch neue Radar-Architektur
Der BYD Han (比亚迪汉) führt eine zentrale Sensor-Architektur ein, die Fahrassistenz und Reichweite grundlegend verbessert. Statt vorverarbeiteter Ziele liefern Radar, Lidar und Kamera jeweils Rohdaten an einen zentralen SoC – im Han kommt Nvidia Orin-X zum Einsatz. Die Technik verschiebt die Kontrolle von Tier-1-Zulieferern wie Bosch oder Continental zum OEM und bringt messbare Leistungsvorteile: Latenz −20 %, Reichweite +20 %, Punktdichte ×10.
Bislang verarbeitete jeder Radarsensor sein Signal selbst: Von der Signalaufnahme über die FFT (Fast Fourier Transform) bis zur Zielerkennung und Geschwindigkeitsmessung – alles im Sensor. An die Zentrale wurden nur verdichtete „Ziel-Listen“ gemeldet. Das bedeutete Informationsverlust: Ein Sensor meldete „50 Meter voraus kein Hindernis“, der nächste „30 Meter voraus Hindernis“. Die Zentrale erhielt widersprüchliche Berichte ohne Rohdaten.
Rohdaten statt gefilterte Ergebnisse
Die neue Architektur ändert dies fundamental. Die Sensoren übermitteln nun die vollständigen Rohdaten – etwa das FFT-Spektrum oder Radar-RAW-Echo. Der zentrale SoC empfängt alle Daten in einem einheitlichen Koordinatensystem. Statt gegensätzlicher Einzelmeldungen werden die Daten intelligent fusioniert. „1+1“ muss nicht 2 ergeben – es kann auch 5 werden, wenn sich die Stärken verschiedener Sensortypen ergänzen. Beispiel: Eine Regenwolke erschwert die Sicht eines Kamerasensors, während Millimeterwellen-Radar hindurchsieht.
Algorithmus-Kontrolle wechselt vom Tier-1 zum OEM
Bisher lag das Know-how zur Radarsignalverarbeitung bei den Tier-1-Zulieferern – sie definierten, wie Ziele aus dem FFT-Spektrum extrahiert und klassifiziert wurden. Die OEMs bekamen nur das fertige „Gericht“ serviert. Jetzt verlangen chinesische Hersteller wie BYD, dass die Rohdaten offenliegen. NXP hat eine spezielle Radar-Bridge entwickelt, die zwischen MMIC und SoC vermittelt. TI unterstützt mit seinen AWR-Serien direkt RAW-Datenausgabe. BYD selbst gibt an, dass der zentrale SoC im Han 12 Radar-Kanäle mit FFT und CFAR bewältigen kann – bisher undenkbar.
L3/L4-Fahren benötigt keine Ziel-Listen, sondern präzise Rohdaten. Nur so lassen sich ruhende Hindernisse wie Brückenpfeiler oder Steinblöcke zuverlässig von bewegten Zielen unterscheiden.
Drei Radar-Typen im Vergleich
- 4D-Millimeterwellen-Radar: Chinesische Hersteller setzen auf kosteneffiziente „1 SoC + 2 MMIC“-Lösungen (6×8 Kanäle), während europäische auf „1 SoC + 4 MMIC“ (12×16 Kanäle) setzen. Ab 2028 werden sich 8T8R- und 24T24R-Architekturen je nach Kostenmodell und Einsatzbereich aufspalten.
- Lidar: Der Trend zur zentralen Architektur eliminiert teure FPGA-Signalprozessoren im Lidar-Sensor selbst. Stattdessen übernimmt der SoC die Datenfusion. Die Datenrate einer 192-Linien-Lidar liegt bei 3,6 Gbps – GMSL2 mit 6 Gbps reicht knapp aus. Herausforderung: Die Slot-basierte Datenstruktur des Lidars (1200 Slots pro Frame) passt nicht in das Frame-Design von Kamera-MIPI-Schnittstellen.
- Ultraschall-Radar: Am einfachsten zu integrieren, da bereits auf Laufzeitmessung basierend. Die Datenmenge ist gering, aber 12 Sensoren brauchen 12 SerDes-Leitungen – eine Hybrid-Lösung (lokale Bündelung + zentrale Fusion) ist sinnvoller.
BYD gibt für den Han folgende Messwerte an: 20 % weniger Zeit für die Signalverarbeitung, 20 % mehr Reichweite, 10-fach höhere Punktdichte. Der Hersteller positioniert sich zwischen „vollständig zentral“ und „vollständig dezentral“ mit einem intelligenten Mittelweg.
Auswirkungen auf die Industrie
BYD Han (比亚迪汉) setzt die zentrale Radar-Architektur seit dem Modelljahr 2024 in Verbindung mit dem DiPilot 100-System um. Der zentrale SoC ist ein Nvidia Orin-X mit 254 TOPS. Alle Radar-Rohdaten laufen über diese Einheit. Damit demonstriert BYD, wie die Kontrolle über die Algorithmen von Tier-1-Zulieferern zu den OEMs wandert – ein grundlegender Machtwechsel in der chinesischen Automobilindustrie.
Die chinesische Industrie baut eine transparente Datenpipeline: Rohsignal → verarbeitete Daten → finale Entscheidung. Keine Blackbox mehr. Nur mit diesen Rohdaten können Algorithmen die letzten Lücken schließen – und den Schritt von L2 zu L3 ermöglichen.
BYD Han ist offiziell in Deutschland erhältlich (Baureihe Han ab ca. 72.000 €). Die aktuelle Generation mit zentraler Radar-Architektur wird schrittweise in die hier ausgelieferten Modelle integriert. Ein genauer Zeitplan für Deutschland liegt noch nicht vor.

