China: Inlandsverkäufe eingebrochen, Exporte auf Rekordjagd
Der chinesische Automarkt erlebt eine historische Spaltung. Während die Inlandsverkäufe massiv einbrechen, explodieren die Exporte. Nach Daten des chinesischen Automobilverbands (CAAM) und der Handelsvereinigung gingen die Pkw-Verkäufe im ersten Halbjahr 2026 um 24,3 % auf 8,288 Millionen Einheiten zurück. Im Juni betrug der Rückgang sogar 26,4 % im Vergleich zum Vorjahr. Besonders hart traf es Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor (ICE): Ihr Absatz sank um 31,9 % auf 3,694 Millionen Einheiten – im Juni allein wurden nur 490.000 Verbrenner verkauft, ein Minus von 49,9 %.
Gleichzeitig stiegen die Exporte auf ein Rekordniveau: 5,096 Millionen Fahrzeuge gingen in den ersten sechs Monaten ins Ausland, ein Plus von 65,3 %. Der Juni lag mit 1,037 Millionen Einheiten sogar 75 % über dem Vorjahr. Chery (奇瑞) führt die Exportstatistik an – die Marke verkauft 70 % ihrer Fahrzeuge außerhalb Chinas. Geely (吉利) legte im Export um 150 % zu. Wenn der Trend anhält, könnte China 2026 erstmals die japanische Rekordmarke von 6,85 Millionen Exportfahrzeugen übertreffen.
Warum der Inlandsmarkt so stark schrumpft
Viele Beobachter führen den Rückgang auf hohe Ölpreise zurück – doch das ist nur die halbe Wahrheit. Zwar stieg der Rohölpreis im März auf über 100 US-Dollar pro Barrel, und die Verbrennerverkäufe brachen ein. Doch selbst nachdem der Ölpreis im Juli unter 70 US-Dollar fiel, erholte sich der Verbrennerabsatz nicht. Die Käufer wandern strukturell zu Elektroautos ab. Die staatliche EV-Kaufprämie (国补) wurde zwar Ende 2024 ausgelaufen, doch im Juni zog die Nachfrage nach reinen Elektroautos (BEV) bereits wieder an: plus 26,9 % im Monatsvergleich.
Die Hersteller reagieren mit drastischen Sparprogrammen, verschieben neue Modelle und überlassen die Entwicklung verstärkt ihren chinesischen Joint Ventures. Im ersten Halbjahr kamen zwar über 600 neue oder überarbeitete Modelle auf den Markt, doch echte Verbrenner-Highlights blieben rar. Der Markt für Verbrenner schrumpft unaufhaltsam – Prognosen zufolge könnte ihr Anteil am Neuwagenmarkt auf 20 % fallen, selbst bei optimistischen Annahmen.
Reine E-Autos gewinnen, Range Extender verlieren
Der Antriebs-Mix im Elektrosegment spaltet sich auseinander: Reine Batterie-Elektroautos (BEV) verzeichneten von Januar bis Juni ein Plus von 13 %. Plug-in-Hybride (PHEV) und Range Extender (EREV) zusammen verloren 2,5 %. Im Juni fielen die Zahlen noch deutlicher aus: BEVs legten um 26,9 % zu, PHEVs um 18,1 %, während EREVs um 25,2 % einbrachen.
Der EREV verliert seinen wichtigsten Vorteil: Die Reichweitenangst schwindet, da BEVs mit 800-Volt-Architektur und Schnellladestationen immer praxistauglicher werden. Zwar bleibt der Range Extender in ländlichen Regionen mit schlechter Ladeinfrastruktur eine sinnvolle Option, doch als Wachstumstreiber ist das Konzept gescheitert. Sobald Feststoffbatterien serienreif sind, könnten alle Fahrzeuge mit Verbrenner – ob klassischer ICE oder EREV – noch stärker unter Druck geraten.
Exportboom – Chinas industrielle Basis als Trumpf
Der Exportboom ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer einzigartigen industriellen Basis. China verfügt über die gesamte Lieferkette – von Rohstoffen über Batterieproduktion bis zur Fahrzeugfertigung. Zölle und Handelsbarrieren der EU oder USA können diesen Vorsprung nur kurzfristig bremsen. Das zeigen die Probleme europäischer Batteriehersteller wie NorthVolt, die trotz massiver Subventionen und Technologietransfers keine stabile Serienproduktion erreichen.
Besonders interessant: In Entwicklungsländern mit schwachem Stromnetz werden chinesische E-Autos oft als mobile Energiespeicher genutzt – die Fahrzeuge liefern über die Vehicle-to-Load-Funktion (V2L) Strom für Haushalte und kleine Betriebe. Das macht sie dort zu einer echten Alternative zu Dieselgeneratoren.
Der Export wächst rasant: Im ersten Halbjahr stiegen die Exporte von Verbrennern um 35,5 %, die von Elektroautos um 120 %. Obwohl mengenmäßig noch mehr Verbrenner exportiert werden, wird die elektrische Wende auch hier bald die Oberhand gewinnen.
Ausblick: Die Zeitenwende ist irreversibel
Der Inlandsmarkt dient als globaler Testfall für die Elektromobilität. Mit einem Verbrenneranteil von unter 30 % ist der Wandel in China bereits weiter fortgeschritten als in Europa oder den USA. Die hohen Exportzahlen kompensieren den Inlandseinbruch weitgehend – 2026 wird der Gesamtmarkt wohl nur leicht schrumpfen. Langfristig ist die Dominanz der Elektroautos vorgezeichnet. Der Verbrenner wird in Nischen (Hochgebirge, extreme Kälte) überleben, aber den Massenmarkt nicht mehr zurückerobern.
Chery plant mit der Marke Omoda eine Expansion nach Europa. Konkrete Termine oder Modelle für den deutschen Markt wurden noch nicht bestätigt. Angesichts der aktuellen Exportzahlen und EU-Zollverhandlungen wird ein Markteintritt jedoch wahrscheinlicher.

