Li Auto: Trotz +10 % Rohstoffkosten keine Preiswelle
Die chinesische Autoindustrie bekommt derzeit Post von ihren Zulieferern: Innerhalb der vergangenen ein bis zwei Monate haben mehr als 80 Reifenhersteller ihre Preise angehoben, in der Spitze um knapp 10 %. Gleichzeitig steigen die Notierungen für Gummi, Ruß, Kunststoffgranulat, Aluminium, Kupfer und Lithium. Auch die Einkaufspreise für Speicherchips ziehen deutlich an — ein Effekt, der bereits bei einigen Smartphone-Marken zu höheren Endkundenpreisen geführt hat. Nun stellt sich die Frage, ob auch Autos teurer werden.
Warum die Kostenwelle diesmal nicht durchschlägt
Die kurze Antwort lautet: Nein — eine neue Preiserhöhungswelle ist nicht zu erwarten, zumindest nicht kurzfristig. Als Referenz dient das teurere Elektroauto: Kernrohstoff der Antriebsbatterie ist Lithiumcarbonat in Batteriequalität. Der aktuelle Preis liegt unter ca. 19.200 € (ca. 150.000 Yuan) pro Tonne — auf den ersten Blick viel, doch 2022 lag der Spitzenwert bei über ca. 76.800 € (ca. 600.000 Yuan) pro Tonne.
Hinweis: Preise beziehen sich auf den chinesischen Markt und können in Europa abweichen.
Der aktuelle Anstieg einzelner Rohstoffe ist damit eine temporäre Schwankung und noch kein Niveau, das zwangsläufig höhere Produktpreise erzwingt. Hinzu kommt: Die industrielle Skalierung ist heute deutlich ausgeprägter, der Wettbewerb in allen Teilsegmenten intensiver. Sowohl Zulieferer als auch Hersteller verfügen über Instrumente zur Steuerung von Kostenrisiken.
Psychologie statt Kalkulation
Entscheidend ist zudem der Zeitpunkt. Das in China verbreitete Konsummuster „Kaufen bei steigenden Preisen, abwarten bei fallenden" verleitet zu der Idee, Autopreise bewusst anzuheben, um Verknappung zu suggerieren und die Nachfrage anzukurbeln. Ein solcher Schachzug funktioniert jedoch nur in einer Aufschwungphase, denn auch dieses Kaufverhalten ist prozyklisch und nicht bloß ein simples Marktphänomen.
Ein Preisanstieg sollte nicht auf gestiegenen Materialkosten fußen, sondern auf verbesserten Einkommensaussichten der Haushalte und wachsenden Unternehmensgewinnen — also auf einer soliden Fundamentaldaten-Basis. In einer Abschwungphase wächst dagegen die Zurückhaltung der Verbraucher: Wer jetzt kauft, fürchtet, auf einem zu teuren Bestand sitzen zu bleiben. Einfacher formuliert: Im Aufschwung ist die Fehlertoleranz der Kunden groß, moderate Preissteigerungen passen ins Muster. Im Abschwung sinkt sie, die Lust auf das Hinterherlaufen ebenfalls — im Vordergrund steht die Werterhaltung.
Was das für die Hersteller bedeutet
Für chinesische EV-Startups wie NIO (蔚来), XPeng (小鹏) und Li Auto (理想) bedeutet das: Der Preiskampf auf dem Heimatmarkt bleibt hart, während die Zulieferkosten steigen. Wer hier nicht effizient produziert, verliert zweifach — über den Preis und über die Marge.
In Deutschland nicht erhältlich
Li Auto hat bislang keine offiziellen Pläne für eine Expansion nach Europa bekannt gegeben. Das Unternehmen konzentriert sich auf den chinesischen Markt.

