Xiaomi, NIO betroffen: Chinas neue E-Auto-Norm erzwingt Gewichtsreduktion
Kampf gegen die „Gewichtsspirale": China verschärft die Regeln für Elektroautos
Ein 100-kWh-Akku bringt über 600 Kilogramm auf die Waage. Um ihn zu tragen, werden Karosserien dicker, Strukturen verstärkt – das Fahrzeug wird schwerer, der Verbrauch steigt, also muss noch mehr Akkukapazität her. Was wie ein Kreislauf klingt, ist die Realität der chinesischen E-Auto-Industrie. Am 1. Januar 2025 trat der neue Standard GB 36980.1—2025 in Kraft. Er definiert verbindliche Energieverbrauchsgrenzwerte für reine Elektroautos, gestaffelt nach Fahrzeuggewicht und -typ. Wer 2028 nicht einhält, darf keine Neuwagen mehr verkaufen.
Hintergrund: Die Gewichtsspirale dreht sich immer schneller
Die chinesische Norm zielt auf ein wachsendes Problem: Das Durchschnittsgewicht von E-Autos steigt rasant. 2012 lag das Leergewicht eines chinesischen Personenwagens noch bei 1312 kg, bis 2024 kletterte es auf 1704 kg – ein Plus von 30,5 %. Besonders auffällig: Der Zuwachs in den Jahren 2020 bis 2024 war größer als in den acht Jahren zuvor. Schwere SUVs treiben den Trend: Der Yangwang U8L wiegt 3639 kg, der Li Auto N9 3130 kg, der Denza ES9 2845 kg. Die Folge: höherer Energieverbrauch, stärkerer Reifenverschleiß, längere Bremswege – und eine wachsende Sicherheitsbelastung im Straßenverkehr.
Was die neue Norm verlangt
Der neue Standard unterteilt Fahrzeuge in Gewichtsklassen. Für Fahrzeuge zwischen 2,0 und 2,71 Tonnen gilt ein maximaler Energieverbrauch von 16,8 kWh/100 km (Werte nach chinesischem CLTC-Zyklus). Für Fahrzeuge über 2,71 Tonnen liegt die Grenze bei 19,1 kWh/100 km. Bei SUVs und MPVs gibt es einen Freiraum von 3 %, der jedoch nicht ausreicht, um die strengen Anforderungen zu umgehen. Die Formel lautet: Energieverbrauch (in kWh/100 km) = 0,00556 × Fahrzeuggewicht (kg) – 1,780 + 13,92 (für Fahrzeuge ab 2,0 Tonnen). Jede 100 kg Mehrgewicht führen zu 0,556 kWh Mehrverbrauch.
Die Branche rechnet vor: Derzeit erfüllen 40 % aller verkauften Modelle die neuen Grenzwerte nicht. Bis 2028 sollen durch kontinuierliche Verbesserungen rund 10 % der Modelle aus dem Markt ausscheiden, weil sie die Vorgaben nicht erreichen.
Technologische Antwort: Leichtbau und Effizienz
Die Hersteller setzen auf verschiedene Strategien, um Gewicht zu sparen:
- Materialmix: Hochfester Stahl (20 % leichter als konventioneller), Aluminium, Magnesiumlegierungen (Dichte nur 2/3 von Aluminium), kohlenstofffaserverstärkter Kunststoff.
- Strukturoptimierung: Megacasting (ein Guss ersetzt Dutzende Einzelteile), CTC (Cell-to-Chassis – Akkuzellen direkt in die Karosseriestruktur integriert) spart 10–15 % Gewicht gegenüber konventionellen Modulen.
- Antriebseffizienz: 800‑Volt‑Architektur mit Siliziumcarbid (SiC)‑Wechselrichtern steigert den Systemwirkungsgrad auf über 87 %, spart 8–12 % Energie.
- 48‑Volt‑Bordnetz: Ersetzt das 12‑Volt‑System und spart allein über 10 kg.
Beispiele aus der Praxis
Der Xiaomi SU7 wiegt 2055 kg und verbraucht 12,3 kWh/100 km (CLTC) – deutlich unter der Grenze für 2‑Tonnen‑Fahrzeuge (16,8 kWh/100 km). Möglich wird das durch eine extrem niedrige Luftwiderstandsnote von 0,195 Cd und die CTB (Cell‑to‑Body)‑Bauweise. Der Luxeed R7 Max+ liegt mit 2180 kg und 13,2 kWh/100 km (802 km CLTC) ebenfalls komfortabel unter den Vorgaben. Dagegen kämpft der AITO M7: Die Topversion mit zwei Motoren wiegt 2635 kg und verbraucht 17,4 kWh/100 km – nah an der 19,1‑kWh‑Grenze für Fahrzeuge über 2,71 Tonnen. Besonders kritisch ist die Lage beim Li Auto L EV mit 2882 kg und 19,1 kWh/100 km – exakt an der Grenze. Der NIO ET7 (2390 kg, 16,2 kWh/100 km) liegt knapp im grünen Bereich.
Bis 2028 zählt jede eingesparte Tonne
Der neue Standard wirkt wie ein Katalysator für Innovation. Wer jetzt investiert, sichert sich einen Wettbewerbsvorteil. Für Verbraucher bedeutet das: effizientere, leichtere und sicherere Elektroautos – und langfristig niedrigere Betriebskosten. Die Uhr tickt: Am 1. Januar 2028 läuft die Gnadenfrist ab.
Hinweis: Die genannten Verbrauchswerte beziehen sich auf den chinesischen CLTC‑Zyklus (ca. 10–15 % höher als WLTP). Die Umrechnung der Reichweiten erfolgte nach dem Faktor CLTC × 0,85 ≈ WLTP.
In Deutschland nicht erhältlich
Die in diesem Artikel genannten chinesischen Marken (Xiaomi, NIO, Li Auto u. a.) sind aktuell nicht auf dem deutschen Markt vertreten. Eine direkte Auswirkung auf deutsche Autofahrer besteht nicht, die Norm ist jedoch ein Signal für globale Gewichts- und Effizienztrends.

