Preiserhöhungen bei E-Autos in China: BYD gibt den Takt vor
Ende April begann in China eine seltene Preiserhöhungswelle: Mindestens 15 Elektroauto-Marken zogen nach und nach mit. Den Anfang machte BYD (比亚迪) – der größte chinesische E-Auto-Hersteller und Marktführer im Segment unter umgerechnet 25.600 € (20 万元). Seither folgten etwa ein Dutzend weitere Anbieter – teils direkt, teils indirekt durch reduzierte Rabatte oder teurere Ausstattungspakete.
Kostendruck? Nicht der wahre Grund
Offiziell begründen die Hersteller die Preiserhöhungen mit gestiegenen Rohstoffkosten – etwa für Lithiumcarbonat (Batteriekathoden) und Speicherchips. Doch diese Argumente halten einer genaueren Prüfung nicht stand: Lithiumcarbonat kostet derzeit etwa 19.200 € pro Tonne (15 万元/吨)* – ein Viertel des Höchststandes von 2022. Damals, als Chips knapp waren, stockten die Hersteller lieber die Produktion auf, statt die Preise zu erhöhen.
Die eigentliche Ursache ist die Profitabilitätskrise: Nach zwei Jahren ruinösen Preiskampfs („内卷") haben viele OEM ihre Margen aufgebraucht. Laut Branchenanalysen lag der Gewinn der Branche im ersten Quartal 2025 nur knapp über dem Ein-Jahres-LPR (Loan Prime Rate, chinesischer Referenzzinssatz). Preiserhöhungen sind nun der Versuch, die Bilanzen zu reparieren – ohne Marktanteile zu verlieren.
Hinweis: Preise beziehen sich auf den chinesischen Markt und können in Europa abweichen.
BYDs Preis-Macht – die „inoffizielle Kartellabsprache"
Bemerkenswert ist die koordinierte Dynamik: Kein Hersteller wagte den ersten Schritt – aus Angst vor Marktanteilsverlusten. BYD übernahm diese Rolle. Damit demonstriert der Konzern erneut seine Preissetzungsmacht im Segment unter 25.600 €. Die Aktion ähnelt einer „stillen Übereinkunft" – offizielle Kartellabsprachen sind in China durch das Anti-Monopol-Gesetz verboten. Doch die Branche beobachtet genau, wie weit die Erhöhungen gehen. Derzeit sind sie moderat: Die meisten Marken erhöhten um 1–3 % – kein radikaler Schritt zurück zum Preisniveau von 2023. Ziel ist nicht die Rückeroberung verlorener Marktanteile, sondern die Stabilisierung der Margen.
Psychologischer Hintergrund: Ölpreis und Technik
Während die Preise für E-Autos steigen, fallen die Preise für Verbrenner weiter. Grund: Der hohe Ölpreis (Folge der Spannungen im Nahen Osten) trifft die Verbrenner-Käufer hart. Gleichzeitig verbessern sich die Batterietechnologien – etwa die Kälteleistung und das Thermomanagement –, sodass E-Autos auch in den nördlichen Regionen Chinas („三北地区", die drei Nordregionen) immer konkurrenzfähiger werden. Frühere Prognosen, die den Marktanteil der E-Autos auf 60–75 % begrenzten, geraten ins Wanken.
Diese psychologische Verschiebung gibt den E-Auto-Herstellern den Mut, nach Jahren der Defensive nun „angriffsweise" die Preise anzuheben. Sie sehen ihre Produkte im Wert gestiegen – und wollen diesen Wert nun auch im Preis abbilden.
Test der Kundennachfrage
Die aktuellen Erhöhungen sind bewusst moderat gehalten – eine Art Testballon. Sollten die Kunden die Preise akzeptieren (die Verkaufszahlen im April waren ohnehin schwach), könnten bald weitere Hersteller folgen und die Aufschläge höher ausfallen. Allerdings nicht auf das Niveau von vor 2023. Ziel ist die Reparatur der Bilanzen, nicht eine grundlegende Neuordnung des Marktes.
Die Disziplin bleibt gewahrt: Kein Hersteller wird so stark erhöhen, dass er Marktanteile verliert. Selbst BYD kann sich keine Alleingänge leisten. Die Preiserhöhungen sind taktisch und nicht strukturell. Die Kunden entscheiden weiterhin nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis – nicht nach „Kostengeschichten".
Hochpreisige Modelle der 8er- und 9er-Klasse (ca. ab 80.000 € aufwärts) sind von der Welle bislang ausgenommen – dort ist der Marktanteil noch zu unsicher.
OEMs kämpfen um die Wertschöpfung
Hinter dem Preisschritt steckt ein strategisches Ziel: Die chinesischen OEMs wollen die Kontrolle über die Wertschöpfungskette zurückgewinnen. In den letzten zehn Jahren haben Batterie-Riesen und Chip-Lieferanten einen Großteil der Gewinne abgeschöpft. Gleichzeitig zwangen die transparenten Preise der Start-ups und die regionalen Cluster-Bildungen die OEMs in die Rolle des „Montagebetriebs".
Die Preiserhöhungen sind nur ein taktisches Mittel, um Zeit zu gewinnen. Das eigentliche Ziel: eigene Batteriefabriken und Chip-Entwicklung aufbauen. Gelingt das nicht, bleibt die Preissetzungsmacht der OEMs schwach – und die Erhöhungen wären nur ein kurzes Intermezzo.
Die Preiserhöhungen in China betreffen vorerst nur den Heimatmarkt. Sollten sie anhalten, könnten chinesische Hersteller ihre Exportstrategie nach Europa anpassen – entweder durch höhere Preise oder durch stärkeren Fokus auf margenstarke Modelle. Für europäische Autofahrer bleibt abzuwarten, ob die chinesische Preiskampf-Ära tatsächlich zu Ende geht.

