Momenta-Börsengang: Chinas ADAS-Markt bleibt zersplittert
Momenta an der Börse: Ein Blick hinter die Zahlen
Der chinesische Entwickler von Fahrassistenzsystemen (ADAS) Momenta ist am 8. Juli 2026 mit einem IPO in Hongkong an die Börse gegangen. Der Marktwert überschritt am ersten Handelstag umgerechnet rund 6,5 Milliarden Euro (ca. 70 Milliarden Hongkong-Dollar). Momenta wird oft als „physikalisches KI-Unternehmen“ bezeichnet und zählt zu den führenden unabhängigen Anbietern von City-NOA (Stadtpilot) in China.
CEO Cao Xudong erklärte im IPO-Interview, dass sich der Markt für autonomes Fahren der Stufe 2+ (L2+) langfristig auf zwei bis drei globale Anbieter konzentrieren werde – und dass Momenta gemeinsam mit Huawei bereits heute über 90 % des chinesischen Marktes für City-NOA kontrolliere. Eine Analyse der Zulassungsdaten des ersten Halbjahres 2026 zeigt jedoch ein anderes Bild.
Der Markt ist fragmentierter als gedacht
Laut Statistik des Branchendienstes „D1EV“ wurden in den ersten sechs Monaten 2026 in China rund 1,81 Millionen Fahrzeuge mit City-NOA (autonomer Stadtpilot) ausgeliefert. Die sieben aktiven unabhängigen ADAS-Anbieter sind: Huawei (乾崑), Momenta, Qianli (ehemals Zeekr Intelligent Driving), DeepRoute.ai (元戎启行), DJI Automotive (卓驭), Horizon Robotics (地平线) und WeRide (文远知行). Hinzu kommen fünf Hersteller mit eigener Vollstack-Entwicklung: Tesla, Xiaomi, Li Auto, NIO und XPeng.
Die Marktanteile im ersten Halbjahr: Huawei 18,1 %, Tesla 13,2 %, Momenta 12,2 %. Zusammengerechnet kommen die drei Größten auf 43,5 % – weit entfernt von einer dominanten Zweierbeziehung. Zwar wächst Momenta im Monatsvergleich (Januar bis Juni) um 201 %, aber Anbieter wie WeRide (+2724 %), Horizon (+384 %) und DeepRoute (+275 %) legen noch stärker zu. Insbesondere DeepRoute überholte im Juni Qianli und erreichte einen Monatsmarktanteil von über 10 %.
Aufsummiert hat Huawei mit 328.000 Fahrzeugen die Nase vorn, gefolgt von Momenta (222.000), Qianli (168.000), DeepRoute (143.000) und den kleineren. Die unabhängigen Anbieter zusammen halten 52,3 % des Gesamtmarktes, die fünf Eigenentwickler die restlichen 47,7 %. Die Prognose von CEO Cao, dass Momenta und Huawei 90 % kontrollieren, ist nach diesen Zahlen nicht haltbar.
Technologischer Wandel: R6 und R7
Momenta setzte im September 2025 mit dem Modell R6 – dem ersten serienmäßigen End-to-End-Verstärkungslernmodell – ein Ausrufezeichen. Es wurde im Buick Electra L7 verbaut und gewann im Oktober den ADAS-Wettbewerb. Doch bereits Ende 2025 leiteten neue Paradigmen (vollständiges End-to-End-Modell plus Cloud-Weltmodell) einen Wechsel ein. Neueinsteiger wie WeRide und Horizon setzten schneller auf die neue Architektur und überholten Momenta in der Rangliste. Im Juni 2026 belegte Momenta im umfassenden ADAS-Ranking nur noch Platz 6, knapp über 13 Punkte hinter dem Spitzenreiter WeRide.
Der Nachfolger R7 – ein sogenanntes „physikalisches KI-Basismodell“ – wurde auf der Peking Auto Show im April 2026 vorgestellt und soll ab dem dritten Quartal per OTA in das VW-Modell ID. ERA 9X (SAIC Volkswagen) eingespielt werden. Die Funktionen umfassen unter anderem „Parkplatz-zu-Parkplatz“-Navigation, verbesserte Spurwechsel und Erkennung von Hindernissen. Die Serienreife des R7 wurde jedoch durch den Börsengang verzögert. Wie gut er im Vergleich zur Konkurrenz abschneidet, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.
Fazit: Der Wettbewerb um die nächste Milliarde
Der chinesische ADAS-Markt ist noch lange nicht entschieden. Mehr als 1,8 Millionen Fahrzeuge mit City-NOA wurden im ersten Halbjahr verkauft, Tendenz stark steigend. Die nächste Herausforderung ist der Massenmarkt unter 20.000 Euro (ca. 200.000 Yuan), wo das Volumen auf über 10 Millionen Fahrzeuge pro Jahr wachsen könnte. Wer in diesem Preiskampf besteht, wird über die Gewinner der nächsten Physik-KI-Ära entscheiden.
In Deutschland
Momenta ist kein Automobilhersteller, sondern ein chinesischer Anbieter von Fahrassistenzsystemen. Das Unternehmen beliefert unter anderem SAIC und Volkswagen in China mit ADAS-Lösungen. Eine direkte Marktpräsenz in Deutschland ist nicht bekannt. Die Technologie von Momenta könnte jedoch indirekt über Kooperationen mit europäischen Herstellern in zukünftigen Modellen in Deutschland landen.


