Li Auto und Huawei: Zwei KI-Agenten im Duell
Die jüngste Auto China (Peking Auto Show, eine der größten Automessen der Welt) stand ganz im Zeichen der Künstlichen Intelligenz. Doch das Rennen verlagerte sich vom assistierten Fahren hin zum intelligenten Cockpit. Die entscheidende Frage: Wer baut den besten KI-Agenten – ein System, das nicht nur Befehle ausführt, sondern selbstständig handelt und Entscheidungen trifft? Im Fokus stehen dabei zwei Kontrahenten: das chinesische EV-Startup Li Auto (理想) und der Technologieriese Huawei.
Li Auto präsentierte mit dem Modell L9 sein neues Livis-System, das die Agenten-Fähigkeit direkt im Produktnamen trägt. Huawei konterte mit seiner HarmonyOS-Plattform unter dem Namen MoLA 2.0. Beide verfolgen jedoch grundlegend unterschiedliche technische Philosophien.
Zwei Welten unter der Haube
Huaweis Ansatz folgt dem klassischen „Großhirn-und-Kleinhirn“-Prinzip: Ein cloudbasiertes System-Agent fungiert als zentrale Kommandozentrale. Es versteht, zerlegt und verteilt die Aufgaben – Navigation, Fahrzeugsteuerung – an spezialisierte Unter-Agenten. Die Architektur ist modular, einfach erweiterbar und auf ein breites Ökosystem ausgelegt.
Li Auto hingegen geht mit seiner StreamingClaw-Architektur einen direkteren, schwereren Weg. Hier fließen alle Sensordaten – Video, Audio – in Echtzeit in ein End-to-End-System ein, das ohne Umwege wahrnimmt, entscheidet und handelt. Der Haupt-Agent ist nicht nur ein Aufgabenverteiler, sondern greift aktiv in die Wahrnehmung und Entscheidung ein. Das Ziel: das Auto zu einem einzigen, verkörperten intelligenten Wesen zu machen – einem „Embodied Agent“.
Beide Strategien sind tief in der DNA der Unternehmen verwurzelt. Huawei setzt seit jeher auf Simulation und Optimierung in der Cloud (Weltmodell), Li Auto auf End-to-End und VLA-Modelle, die Sehen, Sprache und Handeln in einem Modell vereinen.
Eine Wette mit unterschiedlichem Risiko
Für Huawei ist der Auto-Agent nur ein Teil eines 10 Milliarden Geräte umfassenden HarmonyOS-Ökosystems. Selbst wenn die Technik im Auto nur zögerlich ankommt, federt die breite Basis das Risiko ab. Zudem läuft das System bereits in Dutzenden von Modellen.
Li Auto setzt dagegen alles auf eine Karte. Das Unternehmen will KI zur Kernkompetenz machen. Scheitert der Agent als Verkaufsargument, stehen die hohen Investitionen in Frage. Mit dem L9 Livis soll der von CEO Li Xiang oft beschworene Traum eines vollautonomen Roboters, der sich selbst lädt und wäscht, konkret werden.
Der Wettlauf läuft auf eine Zeitfrage hinaus: Kann Li Auto schnell genug eine unverwechselbare, tief integrierte „KI-Kompetenz“ aufbauen, bevor Huawei das selbe Erfahrungsniveau mit seiner Ökosystem-Macht erreicht? Gelingt das nicht, droht Li Autos Differenzierung von der günstigeren Massenlösung geschluckt zu werden.
Der Kampf um den intelligenten Assistenten im Auto hat gerade erst begonnen. Für deutsche Autofahrer bleibt die Entwicklung spannend: Werden bald auch europäische Modelle von solchen KI-Agenten profitieren?
In Deutschland nicht erhältlich
Li Auto hat bislang keine offiziellen Pläne für eine Expansion nach Europa bekannt gegeben. Das Unternehmen konzentriert sich auf den chinesischen Markt.

