Li Auto L9: KI-Agent Livis soll Cockpit ab 2026 revolutionieren
Auf der vergangenen Auto China 2024 in Peking hat der chinesische Hersteller Li Auto (理想) den vollelektrischen L9 mit einer KI-Plattform namens „Livis“ vorgestellt. Anders als herkömmliche Fahrassistenten soll Livis nicht nur lenken und bremsen, sondern als „intelligenter Agent“ eigenständig Cockpit-Funktionen wie Klima, Navigation und Infotainment steuern. Die Serienreife der Agent-Funktion ist für 2026 angekündigt. Konkrete Europapläne nennt Li Auto bislang nicht.
Im Kern geht es um zwei konkurrierende Technologie-Philosophien. Li Auto setzt auf die selbst entwickelte StreamingClaw-Architektur – eine End-to-End-Lösung, die Video- und Audiodaten in Echtzeit verarbeitet und direkt in Aktionen umsetzt. Das Ziel: ein einheitliches KI-Modell, das Sprache, Bildverarbeitung und Bewegungssteuerung vereint und aus dem Fahrzeug einen „physischen Generalisten“ macht. Huawei hingegen verfolgt mit seinem HarmonyOS-Smart-Cockpit einen modularen Ansatz. Die MoLA-2.0-Architektur arbeitet nach dem „Gehirn-Kleinhirn“-Modell: Ein zentrales System zerlegt Aufgaben (etwa Navigation oder Klimatisierung) und delegiert sie an spezialisierte Subsysteme. Dadurch wird HarmonyOS zu einer effizienten Service-Plattform, die leicht Drittanbieter integrieren kann.
Architektur im Detail
| Li Auto L9 (mit Livis) | Huawei HarmonyOS |
|---|---|
| StreamingClaw (End-to-End, VLA) | MoLA 2.0 (modulare Gehirn-Kleinhirn-Architektur) |
| Echtzeit-Verarbeitung aller Sensorströme | Zentrale Aufgabenverteilung an Subsysteme |
| Ziel: „physischer Generalist" – ein Modell für alle Sinne | Ziel: effiziente Service-Plattform mit breitem Ökosystem |
Beide Hersteller übertragen ihre Entwicklungs-DNA aus dem Bereich des autonomen Fahrens (ADAS) auf das Cockpit. Li Auto setzt auf eine VLA-Architektur (Vision-Language-Action), die Wahrnehmung und Handlung in einem Modell vereint – ähnlich der Livis-Plattform. Huawei hingegen nutzt eine „World Model“-Strategie, die mögliche Szenarien simuliert und erst dann optimale Entscheidungen an die Hardware weitergibt. Die Folge: unterschiedliche Pfadabhängigkeiten, die kaum noch korrigierbar sind.
Wettlauf um Zeit und Akzeptanz
Für Huawei ist das Auto nur ein Teil eines Milliarden-Ökosystems: HarmonyOS läuft bereits auf über einer Milliarde Geräten. Sollte die Agent-Funktion im Auto nicht einschlagen, wäre das für den Konzern verkraftbar. Ganz anders sieht es bei Li Auto aus: Der Hersteller setzt fast alles auf die Karte „intelligenter Agent“. Geschäftsführer Li Xiang (李想) hatte mehrfach die Vision eines „Autos, das selbstständig lädt und wäscht“ gezeichnet – der L9 mit Livis ist der erste konkrete Schritt. Sollte die Technik als „überflüssig“ wahrgenommen werden, stünde Li Auto vor einer ernsten Rechtfertigungsnot.
Dennoch sind die Chancen für Li Auto nicht schlecht. Das Unternehmen hofft, dass es vor Huawei eine tiefe emotionale Bindung zur „Agent-Funktion“ aufbauen kann – die Erinnerung an den ersten Anbieter haftet. Solange der Unterschied im Erlebnis für den Fahrer spürbar bleibt, kann Li Auto eine Nische besetzen. Die größte Gefahr: Gelingt es Huawei, diesen Vorsprung durch seine schiere Größe und günstigere Skaleneffekte aufzuholen, verliert Li Auto sein Alleinstellungsmerkmal.
Der Wettbewerb zwischen Li Auto und Huawei ist kein einfaches Duell, sondern ein Rennen gegen die Zeit. Beide Seiten haben bereits hohe Summen in ihre KI-Architekturen investiert – ein Rückzug ist kaum möglich. Der Kampf um das intelligente Cockpit hat gerade erst begonnen.
Der Li Auto L9 ist in China seit 2022 auf dem Markt und wird dort ab ca. 45,98 万元 (umgerechnet rund 58.900 €)* verkauft. Ein Verkauf in Europa ist bisher nicht bestätigt – Li Auto hatte zwar Interesse an einer Expansion bekundet, konkrete Termine stehen jedoch aus. Die Livis-Plattform wird zunächst nur in China verfügbar sein.
Hinweis: Preise beziehen sich auf den chinesischen Markt und können in Europa abweichen.

