Li Auto vs. Huawei: Zwei KI-Strategien fürs Cockpit
KI verlagert sich vom Fahren ins Cockpit
Die Beijing Auto Show 2025 stand ganz im Zeichen Künstlicher Intelligenz (KI). Doch der Fokus hat sich von Fahrassistenzsystemen (ADAS) hin zum intelligenten Cockpit verlagert. Während bisher vor allem die „sichere Ankunft" im Vordergrund stand, geht es jetzt um die „Erlebnissteigerung". Reine Bildschirmgröße oder Unterhaltungsfunktionen reichen nicht mehr – die wahre Schlacht entscheidet sich darin, wer das Auto zu einem eigenständig handelnden „Agenten" macht, der wahrnimmt, entscheidet und im Sinne des Fahrers agiert.
Hinter den Kulissen stehen sich zwei Lager gegenüber: die chinesischen EV-Startups (造车新势力) wie Li Auto (理想) und der Technologieriese Huawei (华为). Li Auto investiert besonders stark in KI und hat sein neuestes Flaggschiff L9 LiVision direkt nach der Agent-Fähigkeit benannt. Huawei hingegen bringt mit seiner HarmonyOS-Plattform ein weitreichendes Ökosystem ins Spiel. Beide liefern sich einen Schlagabtausch, der die zukünftige Technologierichtung der Branche bestimmen könnte.
Zwei grundverschiedene Architekturen
Im Kern unterscheiden sich die Ansätze fundamental. Huaweis „MoLA 2.0"-Architektur folgt dem klassischen „Gehirn + Kleinhirn"-Modell. Das cloudbasierte Großhirn (systemweiter Agent) fungiert als Kommandozentrale: Es analysiert, zerlegt und delegiert Aufgaben an spezialisierte Domänen-Kleinhirne – etwa für Navigation oder Fahrzeugsteuerung. Diese klare Hierarchie macht das HarmonyOS-Cockpit zu einer Service-Plattform, die sich leicht um Drittanbieter erweitern lässt – ein breites Ökosystem.
Li Auto hingegen hat mit „StreamingClaw" einen deutlich „schwereren" Ansatz gewählt. Es strebt eine durchgängige Ende-zu-Ende-Schleife an: Wahrnehmung, Entscheidung und Handlung erfolgen in Echtzeit. Sensordaten wie Video und Audio fließen ununterbrochen als Strom herein – das System muss sofort reagieren, sonst gehen Informationen verloren. Dafür nutzt Li Auto ein Multi-Agenten-System mit selbstplanender Ablaufsteuerung. Der Hauptagent ist nicht nur ein „Auftragsverteiler", sondern greift selbst in die Wahrnehmung und Entscheidungsfindung ein.
Einfach gesagt: Huawei baut einen effizienten Aufgabenverteiler, während Li Auto versucht, das gesamte Fahrzeug zu einer einzigen, verkörperten KI („embodied AI") zu formen. Beide Pfade spiegeln die bereits in der Fahrassistenz (ADAS) gewählte Richtung wider: Huawei setzt auf Simulation und Weltenmodelle zur Absicherung, Li Auto auf durchgängige Ende-zu-Ende-Modelle, die Raum, Sprache und Aktion in einem gemeinsamen Rahmen vereinen – ein direkter Weg zum universellen physischen Agenten.
Was auf dem Spiel steht
Für Huawei ist das Automobil nur ein Baustein im Universum von über einer Milliarde HarmonyOS-Geräte. Selbst wenn der KI-Agent im Auto nicht einschlägt, trägt das Riesen-Ökosystem das Risiko. Anders bei Li Auto: Das Unternehmen hat seine gesamte Markenidentität auf KI aufgebaut. Sollte sich der Agent als „Modeerscheinung" ohne echten Kundennutzen erweisen, drohen enorme Fehlinvestitionen. Firmengründer Li Xiang malt das Bild eines „automatisch ladenden und waschenden Roboterautos" an die Wand – der L9 LiVision ist der erste Test.
Zeitfenster entscheidet den Wettbewerb
Li Auto muss die Zeit nutzen, bevor Huaweis Ökosystem an Erfahrungstiefe gewinnt. Das Ziel: Die Nutzer sollen den Wert eines „Fahrzeugs als Agenten" so früh erkennen, dass eine kognitive Markenbarriere entsteht. Gelingt das, kann Li Auto auch ohne das Huawei-Ökosystem überleben – als Anbieter eines hochintegrierten, möglicherweise kostenpflichtigen „Vollauto-Agenten". Sollte Huawei jedoch gegensteuern und eine ähnliche Tiefe mit seiner riesigen Verbreitung erreichen, droht Li Autos Differenzierungsvorteil zu schmelzen.
Die Agent-Schlacht ist damit erst der Anfang eines langen Wettlaufs – nicht nur zwischen zwei Unternehmen, sondern zwischen der Logik von Plattform-Ökosystemen und dem Anspruch auf vollständige, physische Intelligenz.
In Deutschland nicht erhältlich
Li Auto hat bislang keine offiziellen Pläne für eine Expansion nach Europa bekannt gegeben. Das Unternehmen konzentriert sich auf den chinesischen Markt.

