Chinas Autobranche: 129 Marken ringen ums Überleben
Der chinesische Automarkt erlebt 2025 einen dramatischen Abschwung. Nach Zahlen des Verbands Pkw-Logistik (乘联会) sank der Absatz heimischer Pkw im Mai um 22,1 % auf 1,51 Millionen Einheiten – der zweite Monat in Folge mit einem Minus von über 20 %. In den ersten fünf Monaten summiert sich das Minus auf 19,5 % bei nur noch 7,099 Millionen verkauften Fahrzeugen.
„Die Konkurrenz wird immer härter, die Nachfrage der Kunden sinkt“, beschreibt ein Branchenkenner die Lage. Die Hersteller versuchen, mit immer neuen Modellen – von großen Sechssitzer-SUVs über EREV-Fahrzeuge (Range Extender) bis zu kantigen Offroadern und Shooting Brakes – dem Abwärtstrend zu trotzen. Doch hinter der Fassade der Betriebsamkeit vollzieht sich eine schleichende Auslese.
Acht Altmarken bereits von der Bildfläche verschwunden
Wie aus dem aktuellen Verzeichnis des chinesischen Industrie- und Informationsministeriums (MIIT) hervorgeht, sind acht einst bekannte Marken nun nicht mehr gelistet: FAW Xiali, Brilliance, Zotye, Liebao, Lifan, Hawtai, BAIC Yinxiang und Haima (das sich komplett aus China zurückgezogen hat). Sie sind leise gestorben – ohne große Ankündigung, ohne Insolvenzverfahren. Anders als die spektakulären Zusammenbrüche von Jiyue oder Niutron verschwanden sie schleichend und wurden nur noch von staatlichen Subventionen künstlich am Leben gehalten.
„Diese Marken sind wie pflanzliche Patienten – man hat ihnen mit Geld eine Atempause verschafft, jetzt ist der Saft endgültig abgestellt“, kommentiert ein Analyst.
Prognosen: Nur fünf chinesische Marken werden überleben
Die Konsolidierung der Branche war lange absehbar. Bereits 2009 prophezeite Sergio Marchionne, damals Chef von Fiat Chrysler, dass weltweit nur sechs Automobilkonzerne übrig bleiben würden. In China kursiert seit Jahren die These, dass von den aktuell 129 reinen Elektro- und Plug-in-Hybrid-Marken (PHEV) nur fünf bis sechs langfristig überleben werden.
„Wenn die Elektroauto-Industrie reift, werden die fünf größten Marken über 80 % des Marktes halten“, erklärte Xiaomi-Gründer Lei Jun bereits 2022. Sein Unternehmen Xiaomi Auto ist mittlerweile erfolgreich am Markt, doch die Konsolidierung beschleunigt sich rasant. Die Elektro-Neuzulassungsquote lag im Mai 2025 bei 63 % – ein neuer Rekord. 68 % davon waren reine BEVs.
Branchengrößen warnen vor dem Ende der Gemütlichkeit
„In China gibt es heute 17 Marken, die an Vorstandssitzungen teilnehmen. Aber der Markt verträgt nicht 17. Die Konkurrenz wird stärker, die Schwachen fallen raus“, sagte Zhu Jiangming, Gründer von Leapmotor, im März 2025. Und He Xiaopeng, Chef von XPeng, wiederholte seine Prognose: „Bis 2030 werden in China vielleicht nur noch fünf Autokonzerne nennenswerte Stückzahlen haben. Alle anderen Marken, inklusive der ausländischen, werden verschwinden oder bedeutungslos sein.“ Er betont, dass die Phase der Ein-Knopf-Wunder vorbei sei – es komme nun auf systemische Stärke in Entwicklung, Lieferkette, Fertigung und Kundendienst an.
Warum noch kein großer Crash?
Die eigentlich erwartete Welle von Insolvenzen bleibt bislang aus. Dafür gibt es mehrere Gründe:
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Schleichendes Sterben: Die meisten schwachen Marken sind bereits lange vor ihrem Ende faktisch tot – sie werden von lokalen Regierungen mit Steuergeldern, günstigen Krediten oder Werksübernahmen künstlich am Leben gehalten. Die Kommunen fürchten um Arbeitsplätze und Steuereinnahmen.
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Kapitalspritzen durch Investoren: Unternehmen wie Neta oder Weltmeister (WM Motor) suchen nach Rettung durch Finanzinvestoren. So soll etwa Shanzigaoke die Kontrolle über Neta übernommen haben, was den Aktienkurs kurzfristig explodieren ließ. Doch Geld allein rettet nicht – fehlende Technologie und veraltete Modelle lassen sich nicht wegkaufen.
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Die Welle kommt noch: Die Analysten von AlixPartners schätzen, dass nur 15 Konzerngruppen langfristig 75 % des chinesischen New-Energy-Marktes beherrschen werden. Das entspricht einem Jahresabsatz von etwa einer Million Fahrzeugen pro Gruppe. Selbst starke Newcomer wie NIO, Leapmotor, Li Auto und XPeng kämpfen derzeit um die Plätze in den Top 15.
Fazit: Der große Knall wird ausbleiben – aber das Kräftemessen ist längst in vollem Gang. Bis 2030 werden viele Marken lautlos verschwinden. Wer dann noch übrig ist, hat sich seinen Platz im erbarmungslosen Wettbewerb erkämpft.
In Deutschland
Der Artikel behandelt die allgemeine Marktsituation in China. Er betrifft keine konkreten Modelle oder Marktstart-Termine für Europa. Die Aussagen über eine Konsolidierung der chinesischen Autobranche sind jedoch auch für den deutschen Markt relevant, da sie langfristig die Angebotsvielfalt und Wettbewerbsintensität bei Elektroautos beeinflussen.


