Li Auto: Chef will KI-Firma werden – Mitarbeiter verstehen ihn nicht
Li Auto (理想) will kein reiner Autohersteller mehr sein, sondern eine KI-Firma. Das erklärte CEO Li Xiang Ende 2024 in einem Interview. Seitdem treibt er die Transformation voran: Organisationsumbau, Open-Source des Star-Ring-OS, eigene Chip-Entwicklung, sogar eine KI-Brille. Doch intern hat er ein Glaubwürdigkeitsproblem.
„Ich verstehe nicht, was der Chef sagt“
Anfang 2025 rief Li Xiang spontan eine interne Betriebsversammlung ein, die fast zwei Stunden dauerte. Er sprach über KI-Trends und wichtige Meilensteine. Die Reaktion der Mitarbeiter: „Ich verstehe nicht, wovon der Boss redet“ – sinngemäß zu lesen auf den internen Social-Media-Plattformen. Branchenbeobachter erklären: Das Team sei auf kurzfristige Erfolge gepolt, während Li Xiang plötzlich langfristige Visionen predige.
Livis Day: Technikshow gegen das „Kühlschrank-Sofa“-Image
Am 15. Juni 2025 hielt Li Xiang in Peking den Livis Day – eine Kombination aus Software-und Embodied-Intelligence-Event. Er gab die Richtung für die nächsten zehn Jahre vor: „Das erste Jahrzehnt war das ,mobile Zuhause‘, das zweite Jahrzehnt geben wir dem Auto und dem Zuhause Leben.“ Konkret vorgestellt: der selbst entwickelte Chip Mach M100 mit 1.280 TOPS Rechenleistung in 5 nm, das große KI-Modell Mach Mind, das Fahrassistenzsystem Mach VLA sowie eine OTA-Roadmap für das ganze Jahr.
Die Botschaft: Li Auto will wahrgenommen werden als Technologieführer, nicht nur als Hersteller von „Kühlschrank, TV und großer Couch“ (chinesisches Klischee für luxuriöse Innenausstattung). Im Kern definiert Li Xiang „Embodied Intelligent Vehicle“ als Vier-in-Eins: E-Auto + Chauffeur + KI-Computer + Lebensassistent. Das klingt nach einem neuen Label für bekannte Konzepte.
Marktreaktion: Kursverluste trotz Show
Ein Li Auto-Besitzer (L8+i6) zeigte sich begeistert: „Im Bereich Fahrassistenz ist Li Auto absolut führend.“ Die Börse reagierte jedoch skeptisch: Der Aktienkurs fiel am 16. Juni um 1,5 %, am 17. Juni um weitere 3,75 %. Das Problem: Viele Investoren sehen hinter der „Technikshow“ nicht genug Substanz. Während Tesla mit Millionen von Fahrzeugen echte Fahrdaten sammelt und Huawei auf ein riesiges Partner-Netzwerk baut, fehlen Li Auto die Datenmengen.
Der Chip Mach M100 ist zwar beeindruckend, aber erst in einem Modell (neuer L9 Livis) verbaut. Der Massenproduktionstest steht noch aus. Der Plan: Mit hoher Rechenleistung und synthetischen Daten das Daten-Pauperdasein ausgleichen. Das ist teuer und riskant – vor allem, weil Konkurrent XPeng seinen eigenen Chip (Turing) bereits in über 200.000 Einheiten ausgeliefert hat.
Fazit: Eine schwer zu überbrückende Kluft
Li Xiang ist vom Produktmanager zum Technologie-Prediger geworden. Doch seine Mitarbeiter und die Börse folgen ihm nicht. Solange die messbaren Ergebnisse ausbleiben, bleibt die „KI-Transformation“ eine teure Vision – und die gefühlte Kluft zwischen Chef und Realität die eigentliche Herausforderung.
Quelle: Dieser Artikel basiert auf einem Bericht von Gasgoo/First Electric Vehicle Network (d1ev.com).
In Deutschland nicht erhältlich
Li Auto hat bislang keine offiziellen Pläne für eine Expansion nach Europa bekannt gegeben. Das Unternehmen konzentriert sich auf den chinesischen Markt.


