Chery: Chinas Verbrenner-Markt halbiert, Exporte explodieren
Der chinesische Automarkt durchläuft eine historische Strukturverschiebung. Nach Daten des chinesischen Automobilherstellerverbands CAAM brachen die Pkw-Verkäufe im Inland im Juni um 26,4 % auf 1,497 Millionen Einheiten ein. Besonders dramatisch: Reine Verbrenner verloren 49,9 % und kamen nur noch auf 490.000 Einheiten – nahezu eine Halbierung. Im gesamten ersten Halbjahr 2025 gingen die Verbrennerverkäufe um 31,9 % auf 3,694 Millionen zurück. Noch nie in den letzten vier Jahren gab es einen so starken Rückgang.
Auffällig: Die Großhandelszahlen der Hersteller fielen weniger stark, was auf massive Lagerbestände bei den Händlern hindeutet. Vor allem Joint Ventures mit ausländischen Partnern, die stark auf Verbrenner setzen, leiden unter dem Überdruck.
Exportboom als Rettungsanker
Während der Inlandsmarkt schrumpft, wachsen die Ausfuhren rasant. Von Januar bis Juni 2025 exportierte China 5,096 Millionen Fahrzeuge, darunter 4,432 Millionen Pkw – ein Plus von 65,3 %. Allein im Juni wurde die Marke von einer Million Exportfahrzeugen geknackt. Auf Jahressicht dürften die Ausfuhren erstmals die 10-Millionen-Marke überschreiten und damit den bisherigen Rekord Japans aus dem Jahr 1985 (6,85 Millionen) weit übertreffen.
Spitzenreiter ist Chery (奇瑞): Das Unternehmen exportierte 70 % seiner Produktion und ist damit der erste wirklich exportorientierte chinesische Hersteller. Geely (吉利) legte mit einem Exportwachstum von 150 % am stärksten zu. Die Exporte von Elektroautos wuchsen mit 120 % doppelt so schnell wie die von Verbrennern (+35,5 %). Der Wendepunkt, ab dem mehr E-Autos als Verbrenner exportiert werden, ist nahe.
BEV wachsen, EREV verlieren an Boden
Der Anteil reiner Elektroautos (BEV) wuchs im ersten Halbjahr 2025 um 13 %. Plug-in-Hybride und Range-Extender (EREV) schrumpften gemeinsam um 2,5 % (CAAM-Daten). Besonders deutlich wird der Trend bei den Monatszahlen: Im Juni fielen die EREV-Verkäufe um 25,2 % auf nur 94.000 Einheiten, während BEV um 26,9 % auf 981.000 zulegten und Plug-in-Hybride um 18,1 % wuchsen.
Der einstige Verkaufsargument der EREV – keine Reichweitenangst – verliert an Kraft, weil immer mehr BEV mit 800-Volt-Architektur und Schnellladefunktion auf den Markt kommen. Hinzu kommt, dass EREV durch den zusätzlichen Verbrennungsmotor höhere Wartungskosten und mehr Fehlerquellen haben. Selbst große EREV-SUV mit 70–80 kWh Batterie können den Trend nicht umkehren. Nur in abgelegenen Regionen mit schlechter Ladeinfrastruktur behalten EREV eine Nischenexistenz.
Inlandsmarkt: Verbrenner-Rückgang ist strukturell
Der Rückgang der Verbrennerverkäufe wird oft mit höheren Ölpreisen erklärt. Doch seit Juni 2025 sind die Rohöl- und Benzinpreise wieder gefallen – ohne dass die Verbrennerverkäufe sich erholt hätten. Es handelt sich um eine strukturelle Nachfrageverschiebung: Viele Käufer haben sich mental bereits auf Elektro umgestellt. Die staatliche Kaufprämie für E-Autos lief zwar aus, aber die Lücke wird schneller geschlossen als erwartet. Im dritten Quartal 2025 dürften die Neuzulassungen von Elektroautos wieder positiv werden.
Die heimischen Joint Ventures, die stark auf Verbrenner setzen, haben kaum noch neue Modelle im Angebot – im ersten Halbjahr kamen über 600 neue Modelle, aber kaum ein Verbrenner mit echten Wettbewerbsvorteilen. Der Marktanteil der Verbrenner ist in China bereits unter 30 % gefallen, langfristig wird ein Boden bei 20 % erwartet. Nur in Spezialsegmenten wie Geländewagen oder extrem kalten Regionen werden Verbrenner noch gebraucht.
Chinas industrielles Fundament
Der Exportboom beruht nicht auf einzelnen Technologievorsprüngen, sondern auf der gesamten Wertschöpfungskette – von Rohstoffen wie Graphit über Batteriezellen bis zur Fahrzeugproduktion. Diese industrielle Basis können Zölle und Handelsbarrieren nicht kurzfristig kopieren. Das Scheitern des europäischen Batterieherstellers NorthVolt zeigt, wie schwer der Aufbau einer eigenen Lieferkette ist. Chinesische E-Autos sind zudem in Entwicklungsländern als mobile Stromspeicher gefragt, da die Stromnetze oft instabil sind. Die Fahrzeuge dienen als Notstromquelle für Haushalte und kleine Betriebe – ein unerwarteter Wettbewerbsvorteil.
Der Artikel beschreibt den chinesischen Heimatmarkt und die Exportdynamik. Chinesische Hersteller wie Chery drängen verstärkt nach Europa. Für deutsche Autofahrer bedeutet dies: Der Wettbewerb wird härter, die Preise könnten sinken, aber auch Zölle und Handelskonflikte beeinflussen die Verfügbarkeit.

