BYD und Geely: Chinas E-Autos retten Flutopfer als Notstromquelle
Strom aus dem Auto: Chinas Elektroflotte wird zum Rettungsanker
Nach dem Rekord-Regen des Taifuns Mesaak kämpft die südchinesische Region Guangxi mit schweren Überschwemmungen. Während die Stromnetze zusammenbrechen, entdecken viele Besitzer von New Energy Vehicles (NEVs – der chinesische Oberbegriff für Elektroautos, Plug-in-Hybride und Range-Extender) eine ungeahnte Fähigkeit ihres Autos: die Vehicle-to-Load-Technologie (V2L). Damit wird das Fahrzeug zur mobilen Steckdose.
Staatliche Medien berichten, dass Fahrer von BYD (比亚迪) sogar freiwillige Konvois gebildet haben, um Hilfsgüter zu transportieren. Gleichzeitig schließen Besitzer anderer Marken ihre Autos an Verlängerungskabel an und versorgen Nachbarn mit Wechselstrom – zum Beispiel zum Aufladen von Handys. Ein Video zeigt Anwohner, die sich um einen Geely EX2 (in China auch Xingyuan genannt) drängen, der als Mini-Kraftwerk dient. Ähnliche Szenen gab es bereits bei der großen Flut in der Provinz Henan 2021.
V2L: So funktioniert die Notstromversorgung
Moderne Elektroautos, Plug-in-Hybride (PHEV) und Range-Extender-Elektrofahrzeuge (EREV) sind meist mit bidirektionalen On-Board-Ladegeräten ausgestattet. Sie können nicht nur Wechselstrom aus dem Netz in Gleichstrom für die Batterie umwandeln, sondern auch umgekehrt – und so über die Ladebuchse Haushaltsstrom liefern. Diese Funktion heißt Vehicle-to-Load (V2L). Manche PHEVs und EREVs bieten einen „Camping-Modus", der V2L auch im Stand ermöglicht.
In China sind die meisten NEVs auf 6,6 kW V2L-Leistung ausgelegt. Einfachere Modelle wie der Geely EX2 oder die günstigeren BYD DM-i-Varianten liefern 3,3 kW – genug, um 20 bis 30 Handys gleichzeitig zu laden. Ein besonderes Beispiel ist der Geely Riddara RD6-Pick-up. Er bietet laut Hersteller bis zu 36 kW dreiphasigen Wechselstrom über V2L, ausgelegt für den Betrieb von Drohnen im chinesischen „Niedrighöhen-Wirtschaftssektor".
Markt: Immer mehr NEVs mit V2L
Der chinesische NEV-Markt wächst rasant. Laut China EV DataTracker erreichte der NEV-Anteil an allen Neuzulassungen im Juni 2024 rund 62,9 Prozent. Je größer der Markt, desto mehr Fahrzeuge mit V2L-Technik sind im Alltag präsent – und können im Katastrophenfall zur Lebensader werden.
In Deutschland ist V2L noch selten, aber einige Hersteller wie Hyundai (Ioniq 5, Ioniq 6) oder Kia (EV6) bieten die Funktion bereits an. Auch VW arbeitet an bidirektionalem Laden für die ID.-Familie. Der BYD Atto 3 und der Dolphin sind ebenfalls V2L-fähig – und in Europa erhältlich. Ein flächendeckender Einsatz als Notstromquelle ist hierzulande aber noch Zukunftsmusik.


